zurueck









grabmacherjoggis blog
Hier breitet Ihnen Joggi in einem eigenen Tagebuch exklusiv seine Gedanken online aus. Erfahren Sie von seinen Erlebnissen und Abenteuern, auch wenn es nicht eben die Reisen des Odysseus oder Taten des Herakles sind. Und Einblicke in finstere Ecken der Seele gibt's hier auch nicht. Dergleichen Enthüllungen schicken sich nicht in Basel, wo es unschicklich ist mit seinem Innenleben hausieren zu gehen. Ausserdem ist dieses Journal nur zum Mitlesen, nicht zum Mitschreiben.



"Christo war da" oder "die Nöte eines Stadtführers"

Samstag 05. Juni 2010

Mögen Sie sich noch an die verpackten Bäume 1998 erinnern? Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude hatten damals behufs vielen Verpackungsmaterials für die Fondation des seither verschiedenen Ernst Beyeler, knapp 178 Bäume in Riehen verhüllt. Das Oevre mit Name "Wrapped Trees" sorgte für internationales Aufsehen, obschon man die Hauptdarsteller (die Bäume) gar nicht mehr sah. In der Gestalt erschlaffender Fesselballons zierten sie die Fondation und das Berower Gut und erfreuten sich vieler Besucher.

Bereits im Juni 1995 hatte sich Christo einen lange gehegten Wunsch erfüllt, und spektakulär wie temporär den Berliner Reichstag verpackt. Angesichts der Politik die in letzterem bis zum heutigen Tage gemacht wird, wurden in Berlin schon Stimmen laut die ihr Bedauern darüber äusserten, dass man den "Cage de la folle" überhaupt wieder ausgepackt habe. Basels Streben nach dem Format einer Weltmetropole offenbart sich im Moment gerade darin, dass auch der Regierungssitz unserer Häupter kunstvoll verhüllt ist.

Zur Renovation verschwindet unser Rathaus weitgehend hinter Holzlatten, Gerüsten und viel Textilem. An der Fassade prangt seit dem 2. Juni das Kunstwerk "Fanfare" von Mathias Kaspar. Das Rathaus ist wohl nicht der Reichstag, doch ist es nun gleichermassen in Kunst gewandet. Bereits geht das Wort, dass die heisige Regierung keinen Hehl mehr daraus mache dass die viel zu verbergen habe. Zu offenkundig werfe sie den Deckmantel der Kunst über ihre Wirkungsstätte. Die Basler scharfe Zunge steht der Berliner Schnauze kaum nach.

das verhuellte basler rathaus

Den Kunstfreund mag dieser Anblick erquicken. Mir als Stadtführer bereitet er Verdruss. Nichts kann ich den Besuchern mehr zeigen. Verborgen sind alle ergiebigen Details, von den Wappen an den Zinnen über das goldene Türmchen, die Uhr mit der Justitia bis hin zum Verkündigungsbalkon (von dem Christoph Schlingensief vor Jahr und Tag Geld ins Volk warf). Da steh ich nun, und kann nicht anders als darüber zu grollen, dass ich bis in den Herbst hinein mangels Sichtbarkeit das Bauwerk unkommentiert lassen muss.

Dies wurmt mich gar heftig, denn die Marktplatzfassade ist in ihrem Unterhaltungswert den Ränkespielen im Inneren des Rathauses ebenbürtig. Doch Christos umfassender Esprit hat nicht nur am Rathaus gewirkt. Auch andere Sehenswürdigkeiten sind gerade eingepackt. Das St.Jakobsdenkmal harrt seiner verdienten Sanierung vollständig verhüllt. Gestern wollte ich von Zschokkes Brunnen vor dem Kunstmuseum etwas erzählen, und registrierte dass auch dieses detailreiche Werk zur Sanierung verpackt wurde.

Aus den Augen und somit aus dem Sinn werden mir in diesem nahenden Sommer einige Basler Sehenswürdigkeiten sein. Die grösste Pein bereitet mir kurioserweise der Münsterplatz weil er unverpackt ist. Er bietet sich als grosse Baustelle derart unattraktiv dar, dass ich mir wünschte Christo würde gnädig ein grosses Laken über ihn legen. Es ist zur Stunde es kein Vergnügen, Leute an rotweissen Absperrungen, Baugruben und schreiend bunten Baumaschinen vorbeizuführen. Am besten mach ich meine Touren so lange auf dem Dinkelberg.




Licht ins Dunkel

Samstag 20.Februar 2010

Der Dichterfürst Goethe soll auf seinem Sterbelager in den letzten Zügen "Mehr Licht" verlangt haben. So jedenfalls berichtete es sein Medicus Karl Vogel, der indes im Augenblick des Ablebens gar nicht an des Poeten Bettstatt geweilt hatte. Vielleicht hat Goethe diese letzten Worte zur besseren Überlieferung kurz vor seinem Hinschied ja aufgeschrieben und für die Nachwelt auf's Nachttischlein gelegt. Wie dem auch immer war; ich hatte diese Woche auf meinem letzten Rundgang des Lichts im Überfluss. Ich begann wieder einmal meinen Altstadtbummel "Schwedengeist & Drachenloch" im Lohnhof".

Unter dem Torbogen des einstigen Klosters und ehemaligen Gefängnisses pflege ich meine werte Kundschaft zu diesem Gang durch Basels Gassen zu empfangen. Doch war diesmal etwas nicht wie sonst. Wer derzeit in abendlicher Dunkelheit den Lohnhof betritt, dem wird die Liebe zur Beleuchtung geradezu ins Gesicht geschlagen. Ein Scheinwerfer illuminiert in den Abendstunden den Torbogen. Dies tut er so eifrig, dass jedem der durch das Portal tritt die Augen weh tun, und man droht geblendet bis die Schwelle der Brasserie Au Violon zu stolpern, um dort händeringend den Verlust des Augenlichts zu bejammern.

das grelle licht im lohnhof

Eigentlich trachtet der Scheinwerfer danach das Fresko "Rettung" von Niggi Stoecklin inwendig über dem Torbogen zu beleuchten. Doch ist die Lichtquelle zu diesem Unterfangen derart ungeschickt ausgerichtet, dass sie jeden der eintritt penetrant anstrahlt. Dergleichen Lichtstrahl würde wohl zum Gefängnis passen, welches hier bis 1995 domiziliert war. Doch für Theater, Museum und Restaurant wirkt so viel aufdringlich Licht unpassend. So stand meine Schar zur Führung unter dem Torbogen, und alle kniffen die Augen zu als starrten sie an diesem Februarabend in die gleissende Julisonne.

Der Anblick lässt an eine Dampflokomotive denken, die aus dem Schlund des Tunnels heranbraust und Unheil für jeden verheisst, der sich nicht schnell genug aus dem Lichtkegel ihres Scheinwerfers macht. Mir ist nicht bekannt, ob diese aufdringliche Art der Erhellung Teil des obrigkeitlichen Lichtkonzepts "B-leuchtet" ist, mit dem unser Basel nächtens an optischem Reiz gewinnen soll. Optisch gereizt bin ich jedenfalls, und zugleich wahrlich froh dass ich meine Führungen mit dem Mund und nicht mit den Augen erläutern muss. Sonst müsste ich unter diesem Torbogen kläglich verstummen.

Mir bleibt nur an den Wachmann Marcellus aus dem Hamlet zu denken, der da trefflich fragte was es zu bedeuten habe, dass man die Nacht zum Gehilfen des Tages macht? Kann mich jemand belehren? Bloss kommt da kein Horatio, der mir verständlich erläutert wieso man an dieser Pforte so taktlos eintretende Besucher verstrahlt. Und ferner gelobe ich künftig dieses Tagebuch häufiger mit neuen Einträgen zu versehen, ist doch der letzte Eintrag nun exakt ein Jahr her.




Das Ende eines Stänzlers

erinnerung an staenzler seiler

Freitag 20.Februar 2009

Die Fasnacht zieht auf und wie gewohnt machte ich mich daran meine militairische Equipage vom Staube zu befreien. Stets lasse ich in den drei Fasnachtstagen mein Amt als Grabmacher ruhen. Stattdessen trifft man mich etwa vor dem Münster an, wo ich als Stänzler Seiler der Standeskompagnie während Jahren als fasnächtlicher Wachtposten das bunte Treiben im Auge hatte. Griffbereit für die Kinder war die Gamelle voller Bonbons, derweil die Patronentasche mit Stadt- und Tramplänen sowie dem Rädäbäng für ratsuchende Erwachsene wohl gefüllt war.

Nun kam mir zu Bewusstsein, dass im Dezember gesetzliche Verschärfungen betreffend Waffen in Kraft traten. Meine Steckenlaterne steckte doch im Lauf einer klapprigen Muskete Ordonnanz 1842, und an meinem Ceinturon baumelte ein Säbel des Modells 1852, der kläglich in seiner Scheide festgerostet war. Und da nach dem Gesetze schon das Umhertragen eines Schaubenziehers in der Jackentasche (wenn man nicht gerade Monteur auf dem Weg zu einer lockeren Steckdose ist) verboten ist, ersuchte ich um Auskunft bezüglich Säbel und Laternenmuskete.

Dieser Tage sind ja bereits Chäpselipistolen zum Cowboykostüm verboten; nach den Buchstaben des Gesetzes wäre der Gesetzeshüter verpflichtet das Spielzeug zu beschlagnahmen wenn er dessen ansichtig würde. Nicht umsonst lässt Schiller in seinem Wilhelm Tell den Landvogt Gessler in aller Klarheit festhalten, es habe niemand gewaffnet zu sein, ausser wer gebiete. Und Gessler wusste wovon er sprach, was sein weiteres Schicksal hinlänglich belegt. Und da ich nicht gebiete, dürfte ich ja auch nicht gewaffnet sein. Behördliche Auskunft tat Not.

Und Auskunft kam mir denn auch zu. Egal ob die Basler Fasnacht in militärischen Musterungen wurzle und vor Jahr und Tag zur Fasnacht historische Waffen zur Zierde getragen wurden - heute ist nicht vor Jahr und Tag, womit Säbel und Muskete im Raume der Öffentlichkeit verboten sind. Somit muss ich mir als Stänzler wohl mit einem Besen auf der Schulter und einem Regenschirm am Gurte behelfen. Da aber mein Laternchen nicht auf den Besen und der Schirm nicht in die Säbelscheide passt, ist meiner fasnächtlichen Stänzlerei der Todesstoss gegeben.

So werde ich denn nie wieder als Stänzler Seiler für unzählige Fotoapparate eitel posieren, oder aus der Gamelle Däfeli und Schleckstengel an Kinder verteilen. Der alte Soldat legt sich nieder um sein Leben auszuhauchen. Zum Glück sei angeblich süss und ehrenvoll der Tod fürs Vaterland. Auch wenn der Spruch wohl von niemandem stammt der dieses Opfer selbst erbringen musste. Aber es kam auch kaum je kluges aus Elfenbeintürmen. Zurück bleibt der Grabmacherjoggi, der seinem fasnächtlichen Alter Ego die Grube zur letzten Ruhe bereitet.




Im Schatten der Krisenängste

Freitag 26.September 2008

Der Heimweg nach absolviertem Stadtrundgang bietet immer wieder Interessantes für das Ohr wenn man an belebter Haltestelle auf die Tramway wartet. Im Moment erzittert die Welt der Hochfinanz vor den Erschütterungen die aus Übersee anschwappen. Betroffen davon war offenkundig auch ein Mann mittleren Alters, der am Martkplatz mit unbekanntem Gesprächspartner über seinen tragbaren Telefonapparat sprach. Das Gerät am Ohr, schritt er langsam auf und ab. In lebhaftem Kontrast zu seinem gemächlichen Gang stand der eine freie Arm, der wild in der Herbstluft herumfuchtelte.

Wer sich in einem Radius von vier Meter um den Herrn befand, erfuhr unfehlbar dass er viel Geld in gewisse Papiere auf anraten von Beratern einer gewissen Bank gesteckt habe. Nun habe sich dies als perfekte Fehlinvestition herausgestellt, und die Bank des Beraters gebe ihm sein Geld nicht wieder weil es sich verflüchtigt habe. Sein Lebensabend sei in Gefahr, der Sparbatzen für die alten Tage dahin. Er beendete das Gespräch mit der düsteren Prophezeiung, dass die Konjunktur unseres Landes in nie dagewesene Niederungen absinken werde - die Not werde gross.

Bei diesen Worten zog ein Schmunzeln über mein Gesicht. Ich lebe seit über 170 Jahren in dieser Stadt und habe in Basel und der Eidgenossenschaft schon einiges drohend aufziehen sehen. Seit mir als Unteroffizier der Standeskompagnie nahe der Hülftenschanze am 3. August 1833 eine Kugel beinahe das Lebenslicht ausgeblasen hätte, stehe ich den meisten Dingen etwas gelassener gegenüber. Und seit ich mein Amt Grabmacher auf den Basler Kirchhöfen angetreten habe, ist es ein schwierig Ding geworden, mich überhaupt mit etwas zu erschrecken.

Merkwürdig und unreif mutet für mich der Schrecken an, der nun umgeht wegen dem Ungemach der Hochfinanz und den Folgen in unseren Niederungen. Wer immer sich Zeit dazu nimmt, kann sich das "Glücksrad" über der Galluspforte des Münsters ansehen. Dort strebt unter den Augen des Weltenrichters der eine in die Höhe, während auf der anderen Seite der andere in den Schlund des Abgrunds fällt. Dann muss man wieder untern durch, damit man wieder zu Sonne empor kann. Das Kunstwerk war schon in meinen jungen Tagen zu sehen, aber offenbar schaut es keiner an.

Ich bin wahrhaftig kein Bibelschwenker, aber es gehört zur allgemeinen Bildung zu wissen, dass auf sieben fette Kühe deren sieben magere aus dem Nil steigen können um die wohlgemästeten aufzufressen. Man muss nicht Joseph sein und perfide Brüder haben, um zu verstehen dass man in guten Zeiten stets daran denken sollte dass goldene Tage irgendwann einmal enden. Doch jetzt erhebt sich ein grosses Heulen und Zähneklappern vor der grossen Not die da über den Atlantik komme (wie die mageren Kühe aus dem Nil. Es scheint dass das Übel gerne den Wasserweg nimmt).

Doch bei allen Befürchtungen der wankenden Säulen der Wirtschaft wegen, so hat kaum einer dessen Felle ihm nun bachab gehen einen schwachen Schein von einer richtigen Krise. Als ich fünf Jahre zählte, brachten alliierte Soldaten auf ihrem Durchmarsch das Fleckfieber ins Land. Tausende von ihnen starben und rissen 1814 hunderte Leute aus der Region mit ins Grab. Unter ihnen war auch meine kleine Schwester, die mir auch nach so langer Zeit noch vor Augen ist, wie sie mit geschwollenem, erröteten Gesicht im Bett liegt und trotz aller Zudecken fortwährend zittert bis ihr Leben erlöscht.

Auf dem Kirchhof von St.Alban steht der Grabstein von Zimmermeister Johann Jakob Stehlin, der als geliebter Vater seiner Familie am 20. Mai 1814 durch die Seuche entrissen wurde. Der Stein mahnt bis heute an jene Tage, in denen man wahrlich Anlass zu Verzweiflung hatte. Zwei Jahre darauf machten grosse Unwetter und Frost die Ernten zunichte. Brot wurde knapp und Kartoffeln kosteten bei uns in Liestal zehnmal soviel wie üblich. Das entsetzliche Hungerjahr 1817 blieb unvergesslich, auch wenn Hilfe aus Basel verhütete dass Menschen auf der Landschaft Hungers starben, was anderorten geschah.

grabstein zimmermeister stehlin

Im Jahr 1855 traf die Heimsuchung der Cholera die Stadt Basel und raffte 205 Menschen dahin. Die unsäglichen hygienischen Zustände hatten die Seuche begünstigt. Wenig lernte die Stadt daraus, und daher wütete zum Jahreswechsel 1865/66 der Typhus in ihren Mauern. Jedes Spitalbett war mit Patienten belegt. An die 3700 Menschen lagen fiebernd darnieder; an die 450 überlebten die Krankheit nicht. Ich weiss nicht mehr, wievielen ich damals das Grab schaufelte. Man lebte in steter Furcht, den Toten bald in grässlicher Agonie nachzufolgen.

Das waren wahrhaftige Tage der Not, in denen man um das nackte Leben fürchten musste. Auf meiner Tramfahrt nach dem eingangs geschilderten Erlebnis kam ich zum Schluss, dass diese nahende Krise mich käumlich aus der Ruhe bringen wird. Nicht bei dem was ich schon überlebt habe. Ausserdem habe ich meine Ersparnisse schon vor langer Zeit in Louisdor und Goldnapoleons angelegt und in einer Eichenkiste beim Grab von Melchior Berri dem Erdreich übergeben. Sollte es wirklich einmal knapp werden, wird mir meine Schaufel über die Not hinweghelfen.




Auf den Spuren der orangen Tragödie

orange socken

Sonntag 22.Juni 2008

Der zweiten Dalbebummel im Juni erfreute sich überraschend guter Beteiligung. Überraschend daher, weil es sich erwiesen hatte dass während des aktuellen Fussball-Spektakels kaum Lust herrschte an Stadtrundgängen teilzunehmen, ja überhaupt die Geborgenheit der eigenen vier Wände zu verlassen. Doch das schöne Wetter des heutigen ersten Sommertags lockte eine ganze Riehe von Leuten zu meinem Bummel. Auf diesem Rundgang stiess man auf Schritt und Tritt auf die Spuren einer Tragödie, und diese hatte sich gestern im Stadion St.Jakob ereignet.

Dort waren die Mannen des Königreichs der Niederlande im Ballspiel von jenen des Zars aller Reussen schmählich aufs Haupt geschlagen worden. Nach einer vielgefeierten Serie von Siegen scheid so die Mannschaft im Orange des Hauses Oranien aus dem Turnier, sehr zum Leidwesen der rund 180'000 Schlachtenbummlern aus den Niederlanden, die froh der Hoffnung nach Basel gekommen waren. Belebten sie am Vorabend noch unübersehbar die Stadt, sah es an diesem Sonntagmorgen beinahe so aus als hätte die Pest sie zuhauf weggerafft.

Allerdings konnte man auf dem Dalbebummel immer wieder auf Spuren der orangen Anwesenheit stossen, und dies begann schon beim Auftakt am St.Alban-Tor. Dort hatten sich nämlich auf dem obersten Absatz der Treppe zum Turmeingang, etwas versteckt aber durch hervorragende Gliedmassen und orangen Kopfputz doch auch von Unten erkennbar, zwei Niederländer offenbar am Vorabend niedergelassen, um in der Abgeschiedenheit dieser hohen Warte Trost im Schlafe zu suchen. Ein Räkeln und Grummeln zeigte, dass gerade erwachten.

niederlaender auf der turmtreppe

Unser Weg führte hinab ins St.Albantal, wo ich meinem Gefolge vom Schindelhof, von der alten Stadtmauer und vom Letziturm erzählte. Und da unsere liebe Stadt sich in diesen Tagen unter dem strengen Besatzungsregime einer nordischen Biermarke stöhnend beugt, führte ich in Sichtweite der einstigen Brauerei in Kleinbasel die Geschichte von der Entstehung des Brauereinamens Warteck aus. Als wir uns dem altehrwürdigen Wandergasthof Goldenen Sternen näherten, säumten erneut orange Spuren unseren Weg im Dalbeloch.

Namentlich bestand das Corpus delicti aus einem paar oranger Socken, versehen mit einer Stickerei die einen Ball und die Fahne des Königreichs der Niederlande zeigte. Die Liebe dieses Volkes zu seiner Heimat und dem Ballspiel geht offenkundig so tief, dass sie mit den Zehen die tiefste Stelle des Körpers erreicht. Das Zurückbleiben dieses Sockenpaars lässt indes vermuten, dass im Moment der Niederlage das lodernde Feuer das Patriotismus zur demütigen Kerze schwand, und Socken dieser Art wohl als unangemessen erschienen waren.

Wir wandten uns ab vom Relik orangen Schmerzes und gingen weiter zur St.Alban-Kirche, die an diesem Morgen zufällig Schauplatz einer serbisch orthodoxen Vermählung war. Hier, unweit der Jugendherberge, fand ich ein niederländisches Feldzeichen. Auf der ruhmlosen Flucht vom Schlachtfeld des Fussballs hatte offenbar ein Fähnrich das Banner, welches glanzvolle Siege gesehen hatte, liegen gelassen, um die Autobahn nach Norden zu gewinnen. Wüsste dies Hieronymus Linder! Ich barg die Fahne aus dem Strassenstaub und nahm sie an mich.

verlorenes feldzeichen

Nachdem der Bummel am Schöeckbrunnen beendet war, wusch ich die Hände im ihm da ich auf dem Kirchhof die Grabinschrift von Johann Georg Stehlin freigeputzt hatte damit sie lesbar wurde. Mein Blick fiel in die St.Alban-Vorstadt, wo unter der Hausnummer 19 einst der bereits erwähnte Hienonymus Linder lebte. Der Basler war unter Prinzen von Oranien zum Generalmajor aufgestiegen, hatte für die Niederlande Schlachten geschlagen und nannte sein Basler Domizil "Oranierhaus". Seit seinem Tod 1763 ruht er im Kreuzgang des Münsters.


Der Grabmacherjoggi dankt V.R. für die illustrierenden Fotos.



Ein russischer Gassenbummel

marktplatz

Freitag 30.Mai 2008

Als ich letzten Sonntag dachte mit meiner Führung auf der Froburg für eine Weile den Gipfel des Aussergewöhnlichen erklommen zu haben, sollte dieses Gefühl nur für ein paar Tage währen. Wenn man nämlich leichtfertig einen Superlativ beschwört, muss man darauf gefasst sein dass dessen Bruder gleich hinter der nächsten Ecke lauert. Und so war dem dann auch. Jedenfalls war mir die Anfrage des russischen Fernsehsenders Kanal 1 nach einer Stadtführung für die Kamera so ungewöhnlich wie eine Führung auf einer Burgruine.

Kanal 1 plant im Vorfeld des nahenden Fussball-Spektakels einen Bericht über die fussballfreie Zone in Basel. Man wollte Impressionen vom jenen schönen Ecken Basels einfangen, die in den kommenden Wochen nicht vom Fussball in Beschlag genommen würden. Und im Internet war die Produktionsassistentin der Berliner Dependance des Senders über den Grabmacherjoggi gestolpert, und hatte sogleich angefragt ob er Zeit hätte um am kommenden Vormittag mit einem russischen Kamerateam referierend durch die Gassen von Basel zu ziehen.

Es überkamen mich Zweifel ob meine Wenigkeit der richtige dafür sei. Meine Kenntnisse des Russischen erschöpfen sich mit den Sätzen "Ich verstehe kein Russisch", "Sprechen Sie englisch?", der Grussformel "Guten Tag" sowie und den Wörtern "Zigarette", "Butterbrot" und "Gurke". Damit alleine würde eine Stadtführung etwas merkwürdig ausfallen. Doch die Dame in Berlin versicherte mir, dass der Reporter des Deutschen mächtig sei und dass es mehr um die Bilder und nicht um gesprochenen Worte gehe. Erleichtert wagte ich das Unternehmen.

Die Suche nach der fussballfreien Zone führte ins Quartier zwischen Spalentor und St.Peter. Der Reporter war auf der Suche nach typischen Basler Details, aber es sollten keine Klischees sein. So führte ich erläuternd zu verschiedenen Orten, derweil der Kameramann namens Pawel mit Kamera und sperrigem Stativ in steter Eile war; hatte der arme Mann doch rechtzeitig vor Ort alles aufzubauen und hinterher wieder zu demontieren um uns hinterherzueilen, uns zu überholen und vor uns bereits bereit am nächsten Ort zu stehen.

Meriten erwarb ich mir, als ich mehr beiläufig denn geplant auf die Herberge verwies, in der 1916 Wladimir Illjitsch Uljanow übernachtete als er sich kurz in Basel aufhielt. Dem geneigten Leser wird der Name eventuell unbekannt sein, aber ein Licht dürfte aufgehen wenn ich enthülle dass der Mann unter dem Übername Lenin bekannt wurde. Da dies etwas war was den russischen Zuschauer ansprechen dürfte, wurden sogleich ein paar Einstellungen an diesem Ort gedreht. Am Marktplatz folgte ein weiterer Auftritt.

Hier sollten einige Eindrücke einer Public Viewing Zone in spe gesammelt werden. Übrigens hatte uns der Fussball auch in der fussballfreien Zone in fast allen Schaufenstern verfolgt - mal mehr und mal weniger kreativ in Szene gesetzt. Sechs Minuten versuchte Pawel (siehe Foto oben) vergebens mich von jenseits der Tramgleise beim Schlendern auf dem Marktplatz zu filmen. Ständig vor die Linse fahrende Trams liessen höchstens 2 Sekunden des Schlenderns zu, also ergriff er Kamera und Stativ und wechselte die Seite um näher am Objekt (ich) zu sein.

Mit Impressionen reich versehen begaben wir uns via Imbergässlein zurück in die Spalen wo das Auto der beiden stand. Die Kirsche auf der Sahne lieferte unerwartet der Nadelberg. Als wir nämlich an Schuhmacher Meisters Laden vorbeigingen, meinte ich dass dies der Handwerker sei der mir meine historischen Schuhe neu gesohlt habe. Mein Schuhwerk hatte nämlich am Spalengraben eine eigene Kameraeinstellung beim geräuschvollen Dahinschreiten bekommen. Aus Meister Meisters Werkstatt drang fleissiges Klopfen.

Dies, meinte mein russischer Begleiter, wäre eine perfekte Impression. Altes lebendiges Handwerk inmitten der Altstadt. Also trat ich in die Schuhmacherstube und dankte als erstes nochmals für die gute Arbeit beim neu Besohlen letzthin. Dann kam ich etwas unerwartet mit der Frage, ob das Erste Russische Fernsehen ein paar Aufnahmen im Laden machen dürfe, um der altbasler Impressionen wegen. Den Ansinnen wurde freundlich entsprochen, also bugsierte Pawel die Kamera hinein um einzufangen wie in Basel Schuhe geklopft werden.

Ich wartete derweil draussen, da meine stattliche Leibesflülle Kamerateam und Schuhmachern beim gleichzeitigen Arbeiten ins Gehege gekommen wäre. Nach einigen Momenten kam Pawel nochmal raus und holte das Stativ. Man hatte offenbar die Filmerei in Meister Meisters Stube vertieft. Ich bin mir sicher dass die dort entstandenen heimeligen Impressionen Basel würdig repräsentieren. Jedenfalls war der Reporter sehr zufrieden. In der Spalen wurde mein russischer Wortschatz schliesslich um die Abschiedsformel "Doswidanja" erweitert.




Visite auf der Froburg

joggi auf der froburg

Samstag 24.Mai 2008

Eine besondere Führung war mir angetragen worden. Von einem 200 Jahre alten Totengräber durch die Gassen Basels geführt zu werden, bietet an sich schon ein gerüttelt Mass an Besonderem. Und mit zwanzig Dekaden auf den Sohlen habe ich selbst auch schon manches gesehen was wahrhaftig aus dem Rahmen fiel. Aber der Wunsch einer Kundin nach einem Bummel durch die Froburg war dann doch einzigartig. Ein Stadtführer in wilder Botanik; der Grabmacherjoggi fern des Totengässleins auf einer Burgruine - ein Ding jamais vu.

Ein Excess war vor einiger Zeit bereits ein Auftritt beim Margarethenkirchlein auf Binninger Boden. Wohl war dies Territorium von Basel-Landschaft, aber immerhin konnte man von dort aus die Türme des Münsters mit Baugerüst sehen, und die Toilettenfenster der Bar Rouge im Messeturm. Die Forburg am Hauenstein aber, war indes doch recht weit weg von der heimischen Türschwelle. Nicht einmal den Fernsehturm auf der Chrischona sieht man von dort aus, dafür den Umsetzer von Olten der mit Schüsseln auch wohlversehen ist.

Es bedurfte einiger Erhebungen um Erzählenswertes über diesen Solothurner Stammsitz der einst mächtigen Froburger in Erfahrung zu bringen; stellt er doch eine der ältesten und grössten Burganlagen der Eidgenossenschaft dar. Verlassen gegen 1320, zerrüttete das Beben vom Lukastag 1356 hier nur noch verödete Mauern. Mit Wissen wohl equipiert begab ich mich in den Morgenregen um auf die Ruine am Hauestein zu gelangen. Die letzten paar hundert Meter des Weges hatten dabei ihre Tücken.

Die Frau Auftraggeberin hatte mich nämlich dahingehend aufgeklärt, dass der Pfad zur Ruine über eine Weide führte, wo ein Muni seine Kühe bewache. Behufs des Leiterchens für Wanderer stieg ich über den Drahtzaun der Weide, und spähte bei jedem Schritt nach dem angekündigten Jungstier. In Erwartung bald von demselben über die Weide gehetzt zu werden, liess ich meine treue Schaufel als unnötigen Ballast beim eventuellen Davonrennen zurück. Der Wald mit dem Burgfelsen war bald nahe, und kein Hornvieh zeigte sich weit und breit.

Die Bäume beruhigten mich in so weit, als dass ich als ferner Abkömmling des Affen in der Lage war zu klettern, indes der Jungstier gewiss nicht. Aber eine Flucht auf den Baum erübrigte sich, denn der Muni scheute wohl den Regen. Auf der Ruine angekommen, waren die Wolken der Sonne gewichen. Es war fast schon schönes Wetter. Ich hatte nicht erwartet dass die Ruine meiner Führung wegen eigens abgestaubt würde, aber immerhin wäre ein wenig Rasenmähen schon schön gewesen. Jedenfalls dort wo die Brennesseln gediehen.

Ganz in mein Vortragsthema vertieft, war ich mitten ihn eine Brennesselwiese im einstigen gräflichen Hausflur neben dem Bergfried geraten. Schmerzlich stellte ich fest, dass auch Gamaschen und dicke Hosen keinen bedingungslosen Schutz gegen das tückische Gewächs boten. Nach kurzer Zeit kam auch die Gruppe von Wanderern, der ich die Ruine zeigen sollte. So führte ich sie mit launigen Worten zu den Zisternen, dem mit Dornengestrüpp bewachsenen Oekonomiegebäude, dem Haus des Grafen und zu einigem mehr.

Bloss auf die Felssenspitze in luftiger Höhe führte ich sie nicht. Angesichts des gar schmalen Felsenpfads am steilen Abgrund ward mir derart Angst und Bibberbang, dass ich diesen Punkt ausliess mit dem eleganten Verweis dass die ganze Gruppe zusammen dort oben sowieso keinen Platz fände. Trotz des ungewohnten Terrains schien meine Führung zu gefallen, und man liess mich am nachfolgenden Imbiss teilhaben. Unter der Burglinde wurden Baselbieter Sekt, Salami sowie Brot, Obst und bemerkenswert kleine Bananen gereicht.

lokation

Der Sekt an historischer Stätte tröstet mich über den zurückgekehrten Nieselregen hinweg. Ausserdem sollen Brennesseln, richtig zubereitet, eine schmackhafte Suppe ergeben. Bloss geht mir jegliches Talent als Koch ab, und mir war auch nicht danach die Biester von Hand zu pflücken. Besonders da eine Suppe aus der Aufreisstüte mit weniger Schmerz und Aufwand zu bereiten ist. Jedenfalls wurden mit der Tour ins Grüne meine von Meister Meister am Nadelberg frisch gesohlten Schuhe angemessen eingeweiht.

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